12 January 2026
An der Nordseeküste der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks liegt das Weltnaturerbe Wattenmeer – und, nur durch Deiche davon abgesetzt, die älteste Orgellandschaft der Welt. Über Jahrhunderte hinweg entfaltete sie sich in Dörfern: als Kern einer einzigartigen Kulturform.
Unter Musikfreunden genießen Dörfer wie Steinkirchen, Cappel oder Rysum Weltruf: wegen ihrer Orgeln. Die frühesten wurden um 1440 errichtet, um 1590 stand in jeder wichtigeren Dorfkirche ein solches Instrument. An ihnen entwickelte sich über Generationen hinweg ein beeindruckendes Kulturerbe, zugleich im lebendigen Wechselspiel mit Metropolen. Berühmte Orgelbauer wurden für den Bau engagiert, nicht zuletzt Arp Schnitger (1648–1719), der selbst ein Kind dieser Musiklandschaft war. Die Orgeln zeugen von den hohen Ansprüchen, die an sie gerichtet wurden. Dies lenkt den Blick auf die Dorfeinwohner. Dank uralter Privilegien genossen sie Handlungsfreiheit. Für die Deiche, die das extrem fruchtbare Agrarland schützen, sorgten sie selbst. Ebenso verwirklichten sie kulturelle Interessen gemeinschaftlich. Ort für Ort lässt sich zeigen, wie die Orgel dabei als Krönung wirkte.

Autor: Prof. Dr. Konrad Küster, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Freiburg